Wenn nichts passiert, bloggt man übers Bloggen

Das Wetter war heute ja nicht gerade berauschend. Besser soll es in den nächsten Tagen ja auch nicht werden. Im Gegenteil: Kalt soll es werden, Schnee soll es geben, Winter soll wiederkehren.

Als Wiebke und ich im Jahr 2003 überlegten, eine gemeinsame Webseite ins Leben zu rufen, auf der wir alles mögliche (im Gespräch war lange Zeit ein Cola-Test mit verbundenen Augen, Umfragen und Nachrichten für die verstreut lebende Verwandschaft) der Welt preisgeben wollten, da hatten wir keine Vorstellung davon, dass die Bugwelle des Web 2.0 alles und jeden mit solch großer Gewalt mitreißen würde.

Heute ist Bloggen – damals hatte ich keine Ahnung, dass das so heißt – im vielbeschimpften Mainstream angekommen. Das ist nicht unbedingt schlecht, aber ein Qualitätsmerkmal ist das auch nicht. Auch sind die “early-adopters” sicherlich nicht die besseren, die wahren Blogger (klingt nach True Metal und Manowar, nicht wahr?). Im Gegenteil, was zählt, ist der Content.

Einige Zeit lang habe ich als Trainer an der Universität mein Geld verdient und den dortigen Studenten das Web 2.0 nahe gebracht. Damals noch mit dem augenzwinkernden Hinweis “Web 2.0 ist das mit den runden Ecken”. Auch wenn es durch die techniknahen Autoren der ersten Stunde, die traditionell im Mai einen Relaunch des Designs vollziehen, häufig so aussieht, im Jahre 2009 geht es mehr und mehr um Content. Das Internet ist einfach geworden.

Wer heute eine Webseite möchte, darf dumm sein. Er ist es in der Regel auch und daran ist nichts schlimm. Wer sich mit Apache Rewrite-Rules, CSS-Browserweichen und REPAIRTABLE-Syntax herumschlägt, hat keine Zeit mehr für Inhalte. Es sei denn, er wird ein Metablogger, also er schreibt über das, was er schraubt. Man stelle sich das einmal vor, ein Automechaniker, der in seiner Freizeit den Schraubschlüssel schwingt und dann darüber eine Webseite betreibt. Klar, den gibt es, aber er ist irgendwie selten.

Wer heutzutage Blogs liest, der ist an Inhalten interessiert, an Geschichten oder an Tipps zum besseren Leben, mehr Erfolg oder zum Bezwingen der Technik. Früher war das anders. 2003 waren Blogleser in der Regel auch Blogger. Man schrieb und las, in etwa wie eine Kreativschreibgruppe. Die gibt es auch schon immer, nur beschäftigen sich die wenigsten von ihnen mit der Diskussion des richtigen Stifts, wie man ein Update des Oktavhefts durchführt oder ob man bessere Geschichten schreibt, wenn man Blümchenpapier aus recycleten Boulevardmagazinen benutzt.

Yauh.de hat sich in den letzten Jahren immer wieder gewandelt, es gab Neustarts, Winterschlaf, Hochphasen, Tiefs, persönliche Phasen, techniklastige Zeiträume und so viel mehr. Wie aufmerksame Leser unschwer festgestellt haben, steht hier in den letzten Monaten deutlich weniger Privates, Wiebke läßt sich nur in den Kommentaren blicken und meine Online veröffentlichen Schimpftiraden sind an einer Hand abzählbar. Es gibt ein verstecktes Privatblog für die Familie mit den wichtigen Dingen des Lebens, aber eben nicht öffentlich. Nicht alles ist für alle bestimmt.

Dieser Wechsel liegt sicherlich auch ein wenig darin begründet, dass es inzwischen so viele Alternativen zum Blog gibt. Nicht alle sind besser, viele sogar fragwürdig, aber alle produzieren eine Menge Output. Wer heute online ist, bringt deutlich mehr Zeit mit sozialen Netzen vom Blog bis hin zu offiziellen Massenplattformen zu.

Im Februar versuche ich mich an einem Experiment, um eine Art Selbstanalyse zu betreiben. Jeden Tag möchte ich einen Blogeintrag veröffentlichen. Dabei sind manche Tage einfacher als andere. In der Tat zeichnet sich ein gewisser Trend ab, dass mein Leben sehr arbeits- bzw. IT-lastig geworden ist. Das merkt man auch an der Thematik der Beiträge.

Blogs waren und sind in vielen Fällen immer noch das Sprachrohr für Technikthemen und Meckereien. Ersteres finde ich für yauh.de absolut ok, letzteres habe ich schon vor einiger Zeit abgestellt – in erträglichem Maß wird es das aber auch weiterhin geben. Wer weiß, wohin das Experiment eines Beitrags pro Tag führen wird, ganz ehrlich gehen mir jedoch langsam die Themen aus. Über meine Arbeit blogge ich zwar gerne, aber nicht am laufenden Band.

In diesem Sinne dient yauh.de einmal mehr der Selbstfindung. Es wäre aber nicht Web 2.0, wenn die Leserschaft nicht auch etwas dazu sagen dürfte. Oder manuell trackbacken 🙂

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Blogging since 2003 about life, tech, yoga. Passionate about the details and eager to know more. Systems theory meets empathy.
Bochum. Germany.
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