Das merkwürdige Verhalten pendelnder Großstädter

Wer das Glück hat, jeden Morgen mit dem eigenen PKW alleine oder mit einem Kollegen zur Arbeit zu fahren, kann sich nicht vorstellen, wie es ist, ein (Bahn-)Pendler im Rudel zu sein. Als Pendler steht man jeden Morgen am Bahnhof, egal ob es schneit, regnet oder die Sonne scheint. Legionen von Menschen verlassen den einen Bahnhof und betreten kurze Zeit später einen anderen, sie pendeln zwischen zwei Orten hin und her. Morgens hier, abends dort.

Wirft man über mehrere Tage, Wochen oder gar Monate einen näheren Blick auf das Treiben, so ist auffällig, dass die meisten dieser Menschen tatsächlich ganz vorhersehbaren Mustern folgen. Nicht nur das, auch gibt es einen festen Personenkreis, der nahezu wie ein Uhrwerk immer und immer wieder miteinander im Zug sitzt. 7:45 Uhr, Abfahrt in Bochum, 7:56 Uhr, Ankunft in Dortmund. 17:45, Abfahrt in Dortmund, 17:54, Ankunft in Bochum.

Eines der letzten, für Nicht-Pendler scheinbar ungelösten Geheimnisse ist die Anonymität der Bahnfahrer. Wie kann es sein, dass man monatelang an derselben Stelle am Bahngleis steht, auf den – wieder mal verspäteten – Zug wartet, nebeneinander im Zug sitzt und sich spätestens am Abend wieder zum selben Ritual zusammenfindet, aber niemals auch nur ein Wort wechselt, geschweigedenn den Namen des anderen kennt? Früher war ich der Meinung, man müsste sich einfach nur ein Herz fassen und ein freundliches ‘Hallo’ sagen, schon wäre man um einen neuen Freund und Gesprächspartner reicher.

Doch HALT! Es gibt einen ganz einfachen Grund, weshalb Pendler keine Anstalten machen, miteinander – vielleicht mit Ausnahme eines flüchtigen Blickkontakts mit verdrehten Augen, um die gemeinsame Geringschätzung der heutigen Verspätung auszudrücken – in Kontakt zu treten. Werfen wir einen Blick auf die Rahmenbedingungen des Pendelns:

Der typische Pendler steht morgens auf, kleine Augen, weniger Schlaf als wünschenswert gewesen wäre, hastiges Frühstück und raus in Wind und Wetter, ab an die Haltestelle. Die wenigsten Menschen sind zu dieser Zeit wirklich vorzeigbar, geschweige denn haben sie ein Interesse an sozialer Interaktion. Abends ist der Pendler geschafft von einem anstrengenden Arbeitstag, versucht zu entspannen, während die Bahn hartnäckig auf die fünf- bis zehnminütige Standardabweichung vom Fahrplan besteht und schwört sich erneut, nie wieder zu einer Bahn zu rennen, da im wahrscheinlichen Falle des Vor-der-Nase-Wegfahrens das Frusterlebnis den potentiellen Nutzen deutlich überwiegt.

Angenommen, ein Pendler wäre jedoch morgens eine wahre Frohnatur und auch abends einem Schwätzchen nicht abgeneigt, so gibt es trotzdem Gründe, weshalb man keinesfalls Kontakt zu “den anderen” aufnehmen sollte.

Wenn ich morgen früh den Herren, der jeden Morgen in seiner c’t liest, ansprechen würde, dann unterhalte ich mich womöglich ganz angeregt und stelle viele Gemeinsamkeiten fest. Am Tag danach komme ich wieder zur Bahn und – da stünde er erneut. Wenn ich jetzt nicht ‘Hallo’ sagen würde, wäre ich unhöflich. Sage ich aber ‘Hallo’, so erwiderte er es womöglich und wir führten ein verlegenes “Pflichtgespräch”. Nicht nur am Tag nach Morgen, nein: JEDENTAG!

Als Pendler freut man sich im Allgemeinen, endlich mal ein paar Minuten Zeit für ein Buch, den letzten Podcast, heftigste Metal-Musik oder einfach nur ein paar eigene Gedanken zu haben. Ganz für mich, ohne, dass jemand anders daran teil nehmen kann. Zugegeben, an dem ein oder anderen Tag wäre es bestimmt nett, sich mal zu unterhalten, aber wer will schon das Risiko eingehen, dann jeden Tag reden zu müssen? Womöglich stellt sich nach Tag Drei auch heraus, dass der andere ein absolut nerviger Zeitgenosse ist, der immer die Nase hochzieht, wenn er mehr als zwei Sätze herausgebracht hat? Wie sage ich dem anhänglichen Quatschkopf dann höflich ‘Nein, danke, kein Gespräch für mich!’? Es gibt immerhin jede Woche fünf neue Tage, an denen ich im schlimmsten Fall auf diesen Menschen treffe. Bei einer Fahrtzeit von nur zehn Minuten pro Fahrt mit einer großzügigen Wartezeit von etwa sieben Minuten sind das pro Woche immerhin schon 170 Minuten, die ich mit der Nervensäge verbringen muss. Alternativ muss ich mich irgendwo auf dem Bahnsteig hinter einem Nichtraucherschild verstecken.

Diejenigen unter uns, die zur Arbeit pendeln, kennen Dutzende Gesichter von den Fahrten zur und von der Arbeit. Ansprechen würde jedoch niemand den anderen, im Gegenteil, es wird sogar peinlichst genau vermieden. Keine freundlichen – und vor allem längeren – Blickkontakte und Gemeinsamkeit möglichst vermeiden ist die Devise.

Bildquelle: © magandafille auf flickr

Author image
Blogging since 2003 about life, tech, yoga. Passionate about the details and eager to know more. Systems theory meets empathy.
Bochum. Germany.
top